Disaster Recovery und Qualität computergestützter Systeme - QFINITY
QFINITY · Pharmaceutical Engineering

Wenn die IT ausfällt, entscheidet die Vorbereitung.

In der Ausgabe January/February 2024 von ISPE Pharmaceutical Engineering zeigen Frank Henrichmann, Oliver Herrmann, Maximilian Stroebe und Marcus Schwabedissen anhand einer Fallstudie, worauf es bei Disaster Recovery im GxP-regulierten Umfeld ankommt - und warum ein Cyberangriff nicht nur ein IT-Problem, sondern eine Frage von Produktqualität, Patientensicherheit und Datenintegrität ist.

Der Beitrag

Disaster Recovery ist eine Qualitätsaufgabe.

Mit der fortschreitenden Digitalisierung hängen pharmazeutische Geschäfts- und Entscheidungsprozesse davon ab, dass IT-Systeme und Daten dauerhaft verfügbar sind - kriminelle Aktivitäten, politische Unruhen und Umweltrisiken machen Disaster Recovery und Business-Continuity-Planung damit unverzichtbar. Der Beitrag entwickelt anhand einer hypothetischen Fallstudie - einem erfolgreichen Ransomware-Angriff auf ein mittelgroßes Pharmaunternehmen - typische Fallstricke und zeigt, wie sich Betrieb und Compliance wiederherstellen lassen, wobei die Qualitätsfunktion zum „Enabler“ wird, der belastbare Dokumentation für verantwortbare Freigaben schafft.

Ein Backup ist kein Plan. Erst wenn Pläne, Rollen und Wiederherstellungswege vor dem Ernstfall festgelegt, zugänglich und getestet sind, wird aus Technik echte Widerstandsfähigkeit.
Der wachsende Bedarf

Ransomware als Zeitbombe.

Cyberangriffe nehmen seit Jahren zu; Ransomware und Phishing sind die größten Bedrohungen für die Branche. Die zentrale Frage lautet nicht, wie sich 100 % Sicherheit herstellen lässt - das ist nicht möglich -, sondern wie ein Backup verlässlich bleibt:

  • Die Lage: 66 %

    Eine Umfrage aus dem Jahr 2023 ergab, dass 66 % der Organisationen mindestens einen Ransomware-Angriff erlebt haben.

  • Die Zeitbomben-Taktik

    Angreifer gestalten Schadcode zunehmend als „Zeitbombe“: Statt Daten sofort zu verschlüsseln, infiziert er sie über Wochen oder Monate - bis auch das mitgesicherte Backup betroffen ist.

  • Die Konsequenz

    Verlässlich bleibt ein Backup durch Verifizierung und Monitoring - aufgesetzt, bevor der Ernstfall eintritt.

Standards & Leitfäden

GAMP 5 Second Edition und die ISO-Normen.

  • Appendix O9 - Backup and Restore

    Da die meisten Unternehmen ihre DR-Strategie auf Backup und Restore stützen, sind Setup, Verifizierung und Monitoring der Sicherungen zwingend zu berücksichtigen.

  • Appendix O10 - Business Continuity Management

    Leitlinien, um den Betrieb während einer Katastrophe aufrechtzuerhalten.

  • Appendix O11 - Security Management

    Anforderungen und Maßnahmen, um Sicherheitsvorfälle von vornherein zu verhindern.

  • ISO-Normen als Ergänzung

    ISO/IEC 27000:2018 gibt einen Überblick über Informationssicherheits-Managementsysteme (inkl. ISO 27031 zum IT-Disaster-Recovery); ISO 22301 definiert die Anforderungen an ein Business-Continuity-Managementsystem.

Der menschliche Faktor

Das Preparedness-Paradox.

Menschen neigen zu der Überzeugung, Katastrophen träfen „nur andere“ („Warum sollte uns jemand angreifen?“) - der Beitrag nennt dieses Muster das „Preparedness-Paradox“. Seine Bausteine und Folgen:

Über-Optimismus und Normalcy Bias verdrängen das Risiko
Bekannte kurzfristige Kosten werden über-, unbekannte langfristige Vorteile unterbewertet
Fehlende Zeit und Bereitschaft - Pläne sind nicht fit for purpose, im Ernstfall nicht zugänglich oder nicht aktuell
Die Hälfte aller Unternehmen testet ihre DR nur jährlich oder seltener, 7 % gar nicht
Preparedness-Paradox Über-Optimismus Normalcy Bias Kritisches Denken
Die Abgrenzung

Drei Disziplinen, ein Lebenszyklus.

Die drei Disziplinen sind eng verzahnt und werden über den gesamten System- und Datenlebenszyklus gemanagt - als dauerhaft gepflegte Fähigkeit, nicht als Einmal-Projekt. Denn im Ernstfall laufen Aktivitäten parallel und Dokumentation ist weniger kontrolliert als im Normalbetrieb: Ein risiko- und urteilsbasiertes Vorgehen ist unverzichtbar.

  • Antizipieren

    Disaster Recovery bewertet die Auswirkungen von Katastrophen - IT-bezogen, personell oder standortbezogen - und entwickelt Strategien zur Wiederherstellung.

  • Betriebsfähig halten

    Business Continuity adressiert, wie die Geschäftsprozesse während einer Störung betriebsfähig bleiben.

  • Wiederherstellen

    Backup & Restore ist bei IT-bezogenen Vorfällen typischerweise der Schlüssel zur Wiederherstellung von Systemen, Daten und Services.

Die Autoren

Geschrieben aus der Praxis.

Der Beitrag stammt von einem QFINITY-Autorenteam - Frank Henrichmann (Senior Executive Consultant), Oliver Herrmann (Gründer und CEO) und Marcus Schwabedissen (COO und Senior Executive Consultant) - gemeinsam mit Maximilian Stroebe (PhD, Senior Manager, Janssen Vaccines & Prevention, A J&J Company). Er war Finalist für das ISPE Article of the Year 2024 (Roger F. Sherwood Award) und ist eine Eigenpublikation - die Position von QFINITY selbst, geschrieben von Praktikern, die Disaster-Recovery-Szenarien im GxP-Umfeld begleitet haben.

Finalist ISPE Article of the Year 2024 Roger F. Sherwood Award Computer System Validation Datenintegrität Business Continuity
Quality Considerations in Disaster Recovery: A Case Study - ISPE Pharmaceutical Engineering
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Vom Ernstfall zur gelebten Praxis.

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